Duisburg liest!

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Dirk Heyermann, Bibliothekar der Stadtbibliothek Duisburg, liest Mark Lanegan: „Sing backwards and weep“

Mark Lanegan: „Sing backwards and weep“ ⎮Alles Dunkel dieser Welt⎮(Wilhelm Heyne Verlag 2021)

„You were my Heathcliff!“ Mit diesen innigen Worten verabschiedete sich Isobel Campbell im Februar dieses Jahres von Mark Lanegan, als dieser, vermutlich in Folge einer schweren COVID-19 Erkrankung, im Alter von 57 Jahren verstarb. Prägnanter hätte die schottische Sing Songwriterin und Cellistin Mark Lanegan kaum beschreiben können. „Heathcliff”, jener zerrissene Charakter und romantische Antiheld aus Emily Brontës Roman “Wuthering Heights” mit der Neigung, sich selbst und sein ihn umgebendes Umfeld zu zerstören, steht stellvertretend für weite Teile des Lebens und der Person Mark Lanegans. Bekannt wurde Lanegan in den 80er und 90er Jahren als Frontman der Gruppe Screaming Trees, einer Band aus dem Ort Ellensburg unweit von Seattle im Nordwesten der USA, die dem damals aufkommenden Grungegenre zugeordnet wurde. „Sing backwards and weep“ ist seine schonungslos verfasste „Autobiographie“. Es ist ein Parforceritt aus zerrüttetem Elternhaus, Kriminalität, Alkohol und dem zwangsläufigen Abstieg in den harten Drogensumpf, Endstation Obdachlosigkeit. Es ist aber auch eine musikalische Erinnerungsreise in eine Zeit, als Seattle der Nabel der Rockmusik war und es gibt Anekdoten zu entdecken, die unsereins Schmunzeln lassen. Wie etwa diese, als Lanegan bei einem Konzert regionaler Rockbands in der „öffentlichen Bibliothek“ seiner Heimatstadt Ellensburg, begeistert vom Auftritt einer Band, mit deren Sänger die Kontaktdaten austauschte. Als er hinterher den Zettel wieder hervorkramte las er, dass es sich bei der Person um einen gewissen „Kurt“ gehandelt hat...

Im Gegensatz zu vielen Weggenossen hat es Mark Lanegan über den Entzug in einer Nervenheilanstalt dann doch noch geschafft, die Kurve zu kriegen, der Drogensucht zu entkommen und bis zu seinem Tod mit einer vom Leben gezeichneten Stimme zu begeistern.

Dirk Heyermann


Dr. Jan-Pieter Barbian, Direktor der Stadtbibliothek Duisburg, liest Wolodymyr Selenskyj: Reden gegen den Krieg

Wolodymyr Selenskyj: Reden gegen den Krieg. Aus dem Ukrainischen und Russischen von Claudia Dathe, Olga Radetzkaja und Volker Weichsel. Mit einem Vorwort von Bettina Sengling, 94 Seiten Droemer Verlag, München 2022

Wolodymyr Selenskyj hat die Rolle seines Lebens gefunden, wenn auch auf eine sehr tragische Weise. Am 25. Januar 1978 in Krywyj Rih in eine russischsprachige jüdische Familie geboren, schloss er nach dem Abitur 1995 sein Studium der Rechtswissenschaften in Kiew ab. Anschließend war er jedoch nicht als Jurist, sondern als Kabarettist, Film- und Fernsehschauspieler erfolgreich. Völlig überraschend setzte sich der 41-jährige Selenskyj als politischer Außenseiter bei den Präsidentschaftswahlen am 20. Mai 2019 gegen den Amtsinhaber Petro Poroschenko durch. Als Präsident der Ukraine musste sich Selenskyj innenpolitisch mit der Macht der Oligarchen und einer nur schwer kontrollierbaren Korruption auseinandersetzen; außenpolitisch strebte er von Anfang an eine Mitgliedschaft seines Landes in der Europäischen Union an. Die zunehmende Westorientierung, die erfolgreiche Etablierung der Demokratie und die Verteidigung der staatlichen Souveränität der Ukraine waren der Anlass für den militärischen Überfall Russlands auf die Krim im März 2014, die Unterstützung der prorussischen Separatistenbewegungen in Luhansk und im Donezk und den auf das gesamte Land erweiterten Krieg seit dem 24. Februar 2022. In diesem Krieg verkörpert Selenskyj die Macht des Rechts und der Moral, der demokratischen Freiheit und der Menschenrechte. Die Ukraine verteidigt diese europäischen Grundwerte gegen eine mächtige Diktatur mit einem Kriegsverbrecher an der Spitze, die rücksichtslos und brutal das weltweit gültige Völkerrecht ebenso wie das Menschenrecht auf Unversehrtheit des Lebens mit Füßen tritt.

Der vorliegende Sammelband vereinigt zehn Ansprachen, die der ukrainische Präsident in diesem Jahr gehalten hat: von seiner Ansprache auf der 58. Münchner Sicherheitskonferenz am 19. Februar, in der bereits die Furcht vor einer russischen Aggression und deren Folgen für die Weltordnung formuliert ist, seine Ansprache an das russländische Volk am 23. Februar, nachdem alle Versuche, den Diktator Putin von einer Invasion abzuhalten, gescheitert waren, und die Ansprache an sein eigenes Volk am ersten Tag des Überfalls, über seine Ansprachen vor dem US-Kongress am 16. März, vor dem Deutschen Bundestag am 17. März, an das Schweizer Volk vom 19. März, in der Knesset am 20. März und vor der italienischen Abgeordnetenkammer am 22. März bis zu seinen Ansprachen auf dem NATO-Gipfel am 24. März und bei der Sitzung des Europäischen Rates am 25. März. Es ist bewegend zu lesen, wie Selenskyj auf das Leiden der Zivilbevölkerung in seinem Land, besonders der Kinder, eingeht und für die weltweite Solidarität dankt, auch für die militärische Unterstützung; der ukrainische Präsident macht aber auch konkrete Vorschläge, wie die Weltgemeinschaft auf die russische Aggression mit diplomatischen Mitteln reagieren sollte und könnte. Vor allem aber macht er darauf aufmerksam, dass es in diesem Krieg nicht nur um die Ukraine geht, sondern das Russland das Modell der westlichen Demokratie, der Freiheits- und der Menschenrechte grundlegend in Frage stellt, die Europäische Union nicht ernst nimmt und auch mit einer weiterführenden Aggression gegen andere europäische Länder zu rechnen ist.

Ein unbedingt lesenswertes Buch eines großartigen Menschen, der uns über die historischen und politischen Zusammenhänge informiert, um die es in dieser existentiellen Auseinandersetzung geht.

Dr. Jan-Pieter Barbian


Martina Brodmann, Bibliothekarin der Stadtbibliothek Duisburg, liest Julya Rabinowich: DAZWISCHEN: WIR

Julya Rabinowich: DAZWISCHEN: WIR (Hanser Verlag 2022)

In der Fortsetzung von „Dazwischen: Ich“ erzählt Julya Rabinowich in ihrem aktuellen Jugendbuch „Dazwischen: Wir“, wie die Jugendliche Madina ihren Weg in ihrer neuen Heimat findet. Madina hat den Krieg und die Fluchtsituation hinter sich gelassen. Aus dem Flüchtlingsheim ist sie mit ihrer Mutter, dem Bruder und Tante ausgezogen. Sie haben nun eine Wohnung in dem Haus, in dem auch ihre Freundin Laura wohnt. Der Vater hat die Familie verlassen und ist in die Heimat, in den Krieg zurückgekehrt. Madina sieht darin aber auch ihre Chance, Dinge zu tun, die der Vater verboten hätte. Die Mutter leidet sehr unter dem Verlust und den Veränderungen. Sie ist depressiv und in sich gekehrt, auch der kleine Bruder Rami ist verstört und fällt im Kindergarten auf. Zu den vielen Problemen in der Familie kommen für Medina auch noch Erlebnisse mit Hass und Hetze gegen Ausländer*innen in ihrer neuen Heimat dazu. Zunächst geschockt und verängstigt, setzt sie sich aber dann mit dem Hass auseinander, wehrt sich und findet Verbündete. Sie macht die mutmachenden Erfahrungen von Freundschaft, Unterstützung und Solidarität.

Julya Rabinowich gibt uns Leser*innen einen Einblick in die Erlebnisse von Asylsuchenden. Sie erzählt, wie ein junges Mädchen Probleme der Familie, der Integration, die Zerrissenheit zwischen zwei Welten, zweier unterschiedlichen Kulturen und das Gefühl von Freiheit und Erwachsenenwerden erlebt. Sie lässt uns aber auch teilhaben an der Angst, ausgelöst durch Ausgrenzung und Hass gegenüber Fremden und dem Mut und der Stärke des Mädchens, die mit Hilfe und Unterstützung von Freunden und anderen, ihren Weg findet.

Ein spannender und sehr bewegender Roman für Jugendliche ab 13 Jahren und Erwachsene.

Martina Brodmann


Dr. Jan-Pieter Barbian, Direktor der Stadtbibliothek Duisburg, liest Jan Weiler: Der Markisenmann

Jan Weiler: Der Markisenmann (Wilhelm Heyne Verlag, München 2021)

Die Geschichte beginnt in Hahnwald, einem vornehmen Stadtteil im Süden Kölns. Die 16-jährige Kim Papen wächst mit ihrer Mutter Susanne, ihrem geschäftstüchtigen Stiefvater Heiko Makulla und ihrem achtjährigen Halbbruder Geoffrey in einer Villa mit Garten und Pool auf. Geld spielt keine Rolle und die Familie kann sich daher alles leisten, was man sich wünscht. Doch nicht nur das Scheitern in der Schule aus Faulheit, sondern auch die ständige Rebellion gegen ihren Stiefvater machen Kim zu einer Außenseiterin. Nach einem von ihr verursachten Brandunfall Geoffreys wird sie zu ihrem leiblichen Vater nach Duisburg abgeschoben. Mit Ronald Papen, den sie bei dieser Gelegenheit überhaupt erst kennenlernt und der in einer ehemaligen Werkshalle neben einer Autowerkstatt und einem Recyclinghof in Meiderich wenig idyllisch lebt, muss Kim die Sommerferien des Jahres 2005 in einer kleinen Kammer verbringen. Was wie eine Strafe aussieht, entwickelt sich zum entscheidenden Wendepunkt in Kims Leben, an den sich die Erzählerin 17 Jahre später erinnert. Denn der verwöhnte, aber völlig orientierungslose Teenager erkundet in den sechs Ferienwochen zum einen die Lebensgeschichte ihres aus der DDR stammenden Vaters, der als fahrender Händler ziemlich erfolglos altmodische Markisen aus Beständen von ehemaligen Ostbetrieben an den Mann oder an die Frau zu bringen versucht. Zum anderen entdeckt Kim rund um die Werkshalle und auf den Verkaufsfahrten mit ihrem Vater das Ruhrgebiet mit seinen bemerkenswerten Menschen und den liebenswerten Orten, an denen sie leben. Dem grundehrlichen, bescheidenen und wenig kaufmännischen Ronald Papen verhilft sie mit ihrem Talent zur Vorspiegelung falscher Tatsachen zu erstaunlich guten Geschäften und am Ende sogar noch zu Reichtum, der ihn allerdings letztlich unverändert lässt. Sie selbst lernt zu verstehen, was den Wert des Lebens ausmacht und findet darin auch eine Rolle für sich als Schauspielerin.

Jan Weiler schildert das Leben, Denken und die Gewohnheiten der Menschen im Ruhrgebiet mit einem ebenso präzisen und einfühlsamen wie humorvollen Blick. Die Geschichte Kims und ihres Vaters Ronald Papen zählt zum Besten und Schönsten, was man derzeit über unsere Region lesen kann. 

Dr. Jan-Pieter Barbian


Eva Schmelnik-Tommes, Leiterin des Lektorats, liest J. Jacobus Voskuil: Das Büro – Direktor Beerta

J. Jacobus Voskuil: Das Büro – Direktor Beerta, C.H. Beck, 2012

Da habe ich mir was vorgenommen: „Direktor Beerta“ umfasst über 800 Seiten und ist der erste von insgesamt sieben Bänden von „Das Büro“, die auch nicht dünner sind. Ab 1996 erschien nach und nach die autobiographisch gefärbte Chronik über den Büroalltag in einem Institut für Volkskunde in den Niederlanden, die deutsche Übersetzung folgte mit zehnjähriger Verzögerung.
Neue Kollegen, die kritisch beäugt werden und reihenweise scheitern, Neid und Protektion, Smalltalk und die kleinen Fallstricke, aber auch Freuden des Alltags. Das sind die dialogreich und minutiös geschilderten Themen, um die es Tag für Tag geht.  Faszinierend ist das antiquierte Ambiente der späten 50er Jahre bis in die 60er in Amsterdam.  Warum nur, frage ich mich, übt die Erzählung so einen Sog aus? Was fesselt die Leser an den Berichten über langweilige Konferenzen und die Arbeit an einem Volkskundeatlas über Wichtelmännchen so sehr, dass es sogar einen Fanclub gibt?  Bei mir ist es das gute Gefühl, den Protagonisten Maarten Koning Tag für Tag auf seinem morgendlichen Weg ins Büro begleiten zu dürfen,  den Pförtner zu begrüßen, das Butterbrot in die Schreibtischschublade zu legen und dann den Arbeitsalltag mit all seinen Kuriositäten und Absurditäten mitzuerleben. Zwischen den Zeilen blitzt subtiler, schräger Humor hervor. Und immer möchte ich wissen, wie es am nächsten Tag weitergeht. „Das Büro“ ist eine Daily Soap zum Lesen. Zum Glück sind ja noch sechs Bände übrig. Wer Loriot mag und keine Angst vor dicken Büchern hat, sollte mit ins Büro gehen!

Eva Schmelnik-Tommes